Entstehung des „Emil“

Wie «Emil und die Detektive» entstand und anderes Interessantes (von Klaus Kordon)

Es ist kein Zufall, der Kästner zum Kinderbuch bringt, und auch kein plötzlich in ihm erwachter Wunsch, für Kinder zu schreiben. Schon in Leipzig hat er für Ohsers [Erich Ohser = e. o. plauen, Schöpfer der Cartoon-Serie Vater und Sohn] Bildergeschichten gereimt und kleine Geschichten geschrieben, in denen Kinder vorkamen – allerdings mehr aus der Sicht der Erwachsenen. Nun trifft man sich wieder mal in der Wohnung der Weltbühnen-Verlegerin Edith Jacobsohn im Berliner Grunewald zum Nachmittagstee. Natürlich wird diskutiert. Es ist Frühjahr 1928, die ständig vor sich hin kriselnde Weimarer Republik bietet eine Menge Gesprächsstoff. Edith Jacobsohn wartet einen günstigen Augenblick ab, dann zieht sie den jungen Autor auf den Balkon, klemmt sich ihr berühmtes Monokel ins Auge und eröffnet ihm, dass sie die Weltbühne nur im Vermächtnis ihres Mannes Siegfried Jacobsohn, des Begründers der Zeitschrift, leite. So ganz nebenbei – oder besser eigentlich – gehöre ihr ja der Kinderbuchverlag Williams & Co., der in jenen Jahren im Jugendbuchbereich grosses Ansehen geniesst. Leider fehle es an guten deutschen Kinderbuchautoren. Ob Kästner nicht mal ein Kinderbuch schreiben wolle?

»Ich war völlig verblüfft. ‘Um alles in der Welt, wie kommen Sie darauf, dass ich das könnte?’ ‘In Ihren Kurzgeschichten kommen häufig Kinder vor’, erklärte sie. ‘Davon verstehen Sie eine ganze Menge. Es ist nur noch ein Schritt. Schreiben Sie einmal nicht nur über Kinder, sondern auch für Kinder!’ ‘Das ist sicher sehr schwer’, sagte ich. ‘Aber ich werd’s versuchen.’

Fünf, sechs Wochen später rief Edith Jacobsohn bei mir an. ‘Haben Sie sich die Sache durch den Kopf gehen lassen?’ ‘Nicht nur das’, gab ich zur Antwort. ‘Ich schreibe gerade am neunten Kapitel.’«

Edith Jacobsohn kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, vor allem, als sie die ersten, noch unfertigen Kapitel gelesen hat. Kästner selbst ist ebenfalls erstaunt. Dass ihm der erste Versuch, Kindern eine Geschichte zu erzählen, solch unbändige Freude bereiten würde, hätte er nicht gedacht. Die Verlegerin feuert ihn an, er schreibt weiter, und dann liegt das Buch im Herbst 1929 – und nicht bereits 1928, wie in vielen Werkverzeichnissen fälschlich behauptet (siehe Kästners Brief an seine Mutter vom 15. Oktober 1929) – in den Schaufenstern der Buchhandlungen. Es heisst Emil und die Detektive und wird bald von fast jedem Kind gelesen. Und das nicht nur in deutschsprachigen Ländern, sondern überall dort, wo Kinder Bücher in die Hände bekommen.

Heisst der Junge, der da nach Berlin kommt und im Zug vom Mann mit dem steifen Hut bestohlen wird, rein zufällig Emil? Hat er ganz zufällig eine im Lebenskampf stehende, sehr tüchtige Mutter, die von Beruf Friseuse ist? Überrascht es, dass Emil seine Mutter sehr liebt? Wundert es, dass Emil keinen Vater hat und seine Cousine Pony Hütchen eine ist, die sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt, ihr Brot aber gern mit anderen teilt, genauso wie Cousine Dora?

Emil Erich Kästner hat sich selbst zum Helden dieser Geschichte gemacht und Menschen, die ihm nahestehen, mit hineingenommen. Er wird das auch in Zukunft so halten. Immer wieder wird in seinen Texten der wohlerzogene, von der Mutter dominierte Sohn auftauchen; immer wieder wird er alleinstehenden, lebenstüchtigen, aufopferungsvollen Müttern ein Denkmal setzen. Wer alle Kästner-Romane, all seine Erzählungen und Gedichte kennt, lernt, abgesehen von Randfiguren, nur eine einzige Mutterfigur kennen: Kästners Mutter. Und nur einen einzigen, dazu passenden, wohlerzogenen Sohn, ob der nun Emil heisst oder Anton, Martin Thaler (Das fliegende Klassenzimmer), Fabian, Georg Rentmeister (Der kleine Grenzverkehr), Rudolf Struve (Die verschwundene Miniatur), Dr. Hagedorn (Drei Männer im Schnee) oder Prof. Mintzlaff (Romanfragment Der Zauberlehrling). Die eigene, erlebte Mutter-Sohn-Beziehung prägt fast alle seine Werke.

[Kästners Sekretärin] Elfriede Mechnig hat ihren »Chef« mal darauf »aufmerksam gemacht, dass seine Mutter so ideal stilisiert wie in seinen Büchern eigentlich doch gar nicht sei«. Er antwortete »nur nachsichtig lächelnd: ‘So war sie nicht, aber so wollte sie sein!’ Und deshalb hat er mitunter an Gedichten, in denen sie vorkam, vor dem Druck im Manuskript noch Veränderungen vorgenommen, genau so, wie sie es wollte.«

Quelle: Kordon, Klaus: Die Zeit ist kaputt. Die Lebensgeschichte des Erich Kästner. Weinheim, Basel: Beltz 132019. S. 114-117.