Frischs Sonderstellung in der Nachkriegsliteratur

In den zehn Jahren zwischen 1944 und 1954 wächst Frisch aus der Schweizer Literatur heraus und in die deutsche Literatur hinein, ist aber keiner der beiden zuzurechnen.

Schweizer Literatur

Die „ungebrochene Kontinuität, das (fast) ungestörte Weiterleben der Tradition gehört zu den Besonderheiten der deutschschweizerischen Literatur nach 1945″

„Geschätzt wurde in der Literatur das Klassische, Gediegene‘, die Verpflichtung auf eine Humanität mit nationalem Einschlag.

Frisch

„Ich würde sagen: auch wo das Neue jedenfalls minderen Wertes sein wird, ist es wichtiger, daß es geschaffen wird, wichtiger als die Bewahrung, deren Sinn damit nicht geleugnet wird.“

„Mindestens ließe sich denken, daß ein spätes Geschlecht, wie wir es vermutlich sind, Skizze bedarf, damit es nicht in übernommenen Vollendungen, die keine eigene Geburt mehr bedeuten, erstarrt und erstirbt.“

Als sein Zürcher Verleger die Publikation des Tagebuches 1946-1949 im Hinblick auf das Unverständnis des Schweizer Publikums für die fragmentarisch offene Form ablehnt, veröffentlicht Frisch seine Werke ab 1950 bei Peter Suhrkamp in Frankfurt.

„Die Anerkennung im Ausland (Höhepunkt 1958 die Auszeichnung mit dem Georg-Büchner-Preis) war für Frisch (…) der Umweg, um für das heimische Publikum wieder attraktiv zu werden.“

Deutsche Literatur

1945 erleben die deutschen Autoren die „Stunde Null“ als die „Stunde äußersten physischen und ideologischen Elends, die Stunde der Unfähigkeit zu kritischem Denken, die Stunde der Anfälligkeit für die geringsten Tröstungen“ „In Deutschland hatte der Faschismus die großen literarischen und künstlerischen Traditionen verschüttet und die modernen Strömungen abgeschnürt. (…) Im Nachkriegsdeutschland besaß die jüngere Generation keinerlei Kenntnis über die internationalen künstlerischen Trends und über den zeitgenössischen Standard.“

Frisch

„Wir können eine Nachbarlichkeit nicht erwarten, zu der wir nicht unsrerseits bereit sind, und zwar jetzt, wo sie eigentlich gegründet werden muß, nicht bloß angeknüpft an eine frühere, an nicht Fäden, denen wir mehr vertrauen können und die auch für uns endgültig zerrissen sind.“ „Frisch und Dürrenmatt schrieben ihre Werke mit der Kenntnis von Bertolt Brecht und Thornton Wilder. Sie kannten den neusten dramenästhetischen Standard der deutschen Exildramatiker Brecht, Kaiser, Horváth, Zuckmayer, Wolf, Bruckner ebenso wie den des modernen französischen und amerikanischen Dramas.“

Frisch geht den deutschen Kollegen seiner Generation in zwei Hinsichten voraus:

  • Er geht ab Jetzt singen sie wieder unmittelbar auf die europäische Gegenwart ein.
  • Er knüpft dabei von vornherein am bis dahin erreichten Niveau der europäischen und amerikanischen Dramatik an.

Er steht den deutschen Kollegen in den Voraussetzungen seines Schreibens nahe:

  • durch die Einsicht, dass er als Schweizer „am Rande einer Folterkammer“ wohnte: „wir hörten die Schreie, aber wir waren es nicht selber, die schrien; wir selber blieben ohne die Tiefe erlittenen Leidens, aber dem Leiden zu nahe, als daß wir hätten lachen können“
  • in der Schlussfolgerung, ,daß alles, was einmal zum Wort wird, einer gewissen Leere anheimfällt“

Er entwickelt als Erster den sich daraus für die Nachkriegsgeneration ergebenden Mutmaßungsstil:

Unser Anliegen, das eigentliche, läßt sich bestenfalls umschreiben, und das heißt ganz wörtlich: man schreibt darum herum.“