Die Schule der Diktatoren


Man kann nichts totlachen – höchstens sich selbst. Das habe ich inzwischen einsehen müssen, und so ist mir das Stück im Laufe der Jahre immer bitterer geraten.“ So resümierte der 58jährige Münchner Schriftsteller Erich Kästner entschuldigend kurz vor der Uraufführung seines Stücks „Die Schule der Diktatoren“.

„Der Plan zu dem Stück ist zwanzig Jahre alt“, erläuterte Kästner. „Zehn Jahre habe ich daran geschrieben. Die Inszenierung ist so ausgezeichnet, daß ich sie mir gar nicht besser wünschen kann. Der Rest ist jetzt Sache des Publikums.“

Dieses Publikum, das am Montag vergangener Woche in den Münchner Kammerspielen zum ersten Male Gelegenheit hatte, sich mit Kästners Werk zu befassen, war allerdings recht unterschiedlicher Meinung. Ein guter Teil des zunächst zögernden Beifalls, den der Autor vom roten Plüschfauteuil der Orchesterloge aus während und nach der Aufführung vernehmen konnte, galt ohne Zweifel den Schauspielern und dem Regisseur Hans Schweikart. Die Münchner „Abendzeitung“ notierte im Anschluß an die Aufführung: „So hart, so hassend ist uns Kästner noch nicht gekommen …“

Einem spontanen Publikumserfolg stand nicht nur im Wege, daß die Zuschauer von dem Autor der harmlos-heiteren, später verfilmten Bücher „Emil und die Detektive“, „Das doppelte Lottchen“ und „Das fliegende Klassenzimmer“ politische Zornausbrüche kaum erwartet hatten. Auch die skurrile Handlung des Stückes wirkte einem schnellen Verständnis der Kästnerschen Absichten entgegen, und es besteht nicht einmal Einigkeit darüber, um was für eine Art Theaterstück es sich handelt.

Die Buchausgabe nennt „Die Schule der Diktatoren“ eine Komödie, die Kritik nennt sie eine Satire, im Theater gilt sie als Tragikomödie. Autor Kästner selbst möchte sich am liebsten gar nicht festlegen – das Stück sei eine Haupt- und Staatsaktion, erläutert er vage ironisierend: „Dieses Stück ist keine Satire, sondern zeigt den Menschen, der sein Zerrbild eingeholt hat, ohne Übertreibung. Sein Zerrbild ist sein Porträt.“

Die „Süddeutsche Zeitung“ kommentierte die Verwirrung der dramatischen Gattungsbegriffe entschuldigend: „Daß sich dieses Schreckbild nicht mit den Mitteln der üblichen beziehungsweise nicht mehr üblichen Dramaturgie entwickeln läßt, liegt in der Beschaffenheit des Vorwurfs. Die Dramaturgie setzt den Menschen voraus; hat er sein Recht verloren, verliert sie es auch. Mit Larven, Popanzen, Zerr- und Schreckbildern, mit denen Zeitgenosse Kästner rechnet, hatten weder Aristoteles noch Lessing gerechnet.“

Larven und Popanze aber hat Kästner auf die Bühne gestellt: In der „Schule der Diktatoren“ agiert der „dressierte, seine Würde apportierende, der als Mensch verkleidete Mensch“. Die Handlung: In einem Imaginären Staat hat sich eine blutigburleske Diktatur anscheinend unverrückbar etabliert. Vier Männer haben die Macht im Staat an sich gerissen; der eigentliche Diktator ist schon vor Jahren einem Attentat zum Opfer gefallen. Seither werden der Welt Doppelgänger untergeschoben, „Papageien im Gehrock. Aufgezogene Automaten, ungefähr so groß und breit wie der Präsident, bevor er krepierte. Zur Zeit regiert der dritte Hampelmann. Oder der vierte.“

Diese Marionetten werden in Serien auf einer besonderen Schule herangezüchtet – der Nachschub rekrutiert sich aus gescheiterten Existenzen, die vom Leben nichts mehr erwarten dürfen. Derweil ist der Leiter dieser „Schule der Diktatoren“ um wissenschaftliche Perfektion besorgt: „Meine Methoden, Menschen in Werkzeuge umzubauen, sind noch immer verbesserungsbedürftig. Medizin und Chemie müßten der Pädagogik energischer beispringen.“

Dem erbosten Kästner, dessen Autoreneifer der Kritiker Max Christian Feiler im „Münchner Merkur“ mit Bekenntnissen Martin Luthers über den Nutzen des Zorns zu legitimieren versucht, ging es jedoch um mehr als um die Übertragung eines präzise funktionierenden Machtstaates ins schauderhaft Groteske. In seinem mit Sentenzen gefütterten Stück – „Sentimentale Schachfiguren sind denkbar unbequem“; „Seit die Bösen vorschreiben, was recht ist, plagt den, der gut sein möchte, das schlechte Gewissen“ – gestattet er einem Idealisten aus der Diktatoren-Schule, einen Staatsstreich zum Erfolg zu führen, durch den „Freiheit und Ordnung wieder ins Gleichgewicht gebracht werden sollen“.

Die Freunde dieses Freiheitshelden sind jedoch keineswegs weniger machtgierig als die Statthalter der Diktatur. Der Revolutionär „war für sie nur das Vehikel. Er war ihr Trojanischer Esel“. Sie isolieren ihren Anführer, indem sie die direkte Übertragung seiner Rundfunkrede mittels einfacher technischer Maßnahmen verhindern, erklären ihn für tot und ermorden ihn dann beiläufig. Mit deutlichem Bedauern läßt der neue Ministerpräsident die Spitzen des alten Regimes zur Exekution führen: „Das System und Sie kann ich nicht retten.“

Das System bleibt unverändert, nur die ohnehin nebensächlichen Figuren werden ausgetauscht. Kästner-Bonmots zum Thema: „Das Zeitalter der Tragödien ist vorbei. Es gibt nur noch Unglücksfälle. Wie an den Straßenkreuzungen.“ Oder: „Die Menschheit hat auf sich verzichtet. Büchsenkonserve in Konservenbüchsen zu sein, das ist aller Traum. Das blecherne Zeitalter ist angebrochen.“

Um jedoch keinerlei Mißverständnis darüber aufkommen zu lassen, wem er die Schuld am Ausbruch des blechernen Zeitalters zuschiebt, läßt Kästner den ermordeten Revolutionär sozusagen aus dem Jenseits die Frage in den Zuschauerraum rufen: „Warum ließt ihr mich so allein – warum?“ Im gleichen Sinne hatte er bereits zuvor, etwa in der Mitte des Stücks, mit einem freilich kaum sehr frischen dramaturgischen Trick sein Publikum in die Handlung einzubeziehen versucht: Während einer Auseinandersetzung zwischen den vier Machthabern dreht einer von ihnen den Kegel eines lichtstarken Scheinwerfers ins Parkett.

Professor: „Vorsicht! (zeigt auf den Zuschauerraum) Man hört uns zu.“

Die drei anderen: (Mustern die Zuschauer. Überrascht, aber kaltblütig.)

Kriegsminister: „Die Leute sehen aus, als seien sie lange nicht eingesperrt gewesen. Vollgefressen und unverschämt.“

Premier (taxiert): „Zehn Lastwagen genügten“ . . .

Leibarzt: „Die Herrschaften wissen noch nicht, wie fidel es sich ohne Rückgrat lebt.“

Kabarettistische Einlagen dieser Art sind möglicherweise Relikte aus früheren Fassungen: Ohnehin sollte das vor zwanzig Jahren geplante Diktatoren-Stück ursprünglich heiterer ausfallen. „Wie ich 1936 den Hitler mal so reden hörte, habe ich mir gedacht: Wenn man den Diktator lächerlich machen könnte, dann müßte damit das ganze System erledigt sein“, erinnert sich Kästner. In der Folgezeit allerdings glaubte er schlüssige Beweise dafür erhalten zu haben, daß Lachsalven doch weniger geeignet sind, Granaten zu sparen, als er es den Revolutionär seines Stückes hoffnungsvoll aussprechen läßt. Auf diese Weise wurde das anfänglich beherrschende Motiv, die lächerliche Reproduktion und Vervielfältigung eines längst verstorbenen Diktators, mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt zugunsten des pessimistischen Bildes von einer Gesellschaft, die solcherlei Diktatur erst möglich macht.

Aber auch nachdem das Stück fertig geschrieben war, hat Kästner, nach seinen Angaben, nicht sogleich an eine Aufführung gedacht: Er habe, sagt der Autor, das Stück den Münchner Kammerspielen keineswegs angeboten, sondern eigentlich erst den Erfolg der Buchausgabe abwarten wollen, die im vergangenen Sommer im Verlag seiner Berliner Sekretärin von einst, Cecilie Dressler, erschien*.

Wie es dennoch so bald zu der Aufführung des Stückes gekommen ist, erläutert der Autor so: „Ich habe einige Bindungen zu den Kammerspielen; ich gehe in jede Premiere… Wenn denen das Manuskript nicht gefallen hätte, und sie hätten es abgelehnt, wär’s ihnen peinlich gewesen. Wenn’s ihnen nicht gefallen hätte, und sie hätten es angenommen – noch peinlicher. Und hätte es ihnen gefallen, würde gleich jeder sagen, ,natürlich, die werden einen Kästner ablehnen, noch dazu in München‘. Die haben das Buch im Laden gekauft. Und als der Schweikart es gelesen hatte, war er ganz begeistert und sagte: ‚Das ist ja herrlich – da braucht ja gar nichts geändert zu werden.'“

Die – insgesamt recht wohlwollende – Kritik hat sich freilich diesem Votum des Intendanten Schweikart nicht bedingungslos angeschlossen. Karl Schumann vermerkte in der „Süddeutschen Zeitung“ über die Personen der Handlung: „Um der Satire willen reden alle Gestalten in Bonmots. Sie kästnern im Kollektiv und verzichten auf Nuancen, aber manchmal nicht auf sentimentale Anwandlungen.“

In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schrieb Kritiker Wolfgang Drews über das neueste Stück des „Negationsrates“ Kästner: „Gesinnung allein ist nicht bühnenwirksam, und ein kabarettistischer Einfall, in einer Sketchserie ausgebreitet, ergibt kein Drama.“ Versöhnlich resümierte Max Christian Feiler im „Münchner Merkur“: „Trotzdem, man muß Kästner akzeptieren, wie er ist, denn er ist etwas. Wer eine Handschrift hat, darf auch Kratzer und Kleckse machen.“