Die Begriffe Moral und Moralität

Um den Begriff Moral bzw. der Figur des Moralisten im Roman, der ja eine Kunstfigur ist, näherzukommen, steht zunächst der Versuch an, einige Moralbegriffe auf ihre Adäquanz44 hin zu untersuchen.

1. Der wissenschaftliche Moralbegriff

Hier stellt sich die Frage, ob die Anwendung des Moralbegriffs im wissenschaftlichen Sinne, also der Philosoph als Moralist, auf die Romanfigur möglich ist, und man so zu einer Erkenntnis kommen kann. Dies muß verneint werden, da weder ethische Normen expressis verbis formuliert werden noch werden diese in einer Rechtfertigungslehre dem Leser als Handlungsmaxime aufgegeben.45

2. Der umgangssprachliche Moralbegriff im Sinne von ,,Durchhaltevermögen“

Diese Deutung des Moralbegriffs berücksichtigt nur einen Aspekt menschlichen Tuns, den der ,,Leidensfähigkeit oder Durchhaltevermögen“ der Menschen. Er ist also monokausal und damit als Erkenntnisbasis nicht geeignet.

3. Der schriftstellerische Moralbegriff

Ist der Schriftsteller mit seinen und durch seine Romanfiguren als Moralist zu verstehen, beurteilt er also menschliches Tun und Verhalten aufgrund von Moralgesetzen, indem er seine pessimistisch- menschenfeindlichen Lebenserfahrungen kunstvoll aufbereitet und zur Belehrung der Leser seines Werkes darbietet? Hier kann man anführen, daß die Lebenserfahrungen des Autors und sein Menschenbild für den Roman eine prägende Rolle spielen. Der Roman ,,Fabian“ ist als Kunstwerk zu bezeichnen , das voller Belehrungen steckt. Es stellt sich jedoch die Frage, ob der Autor dem Handeln, den Aussagen und Ansichten seiner Haupt- und Ergänzungsfiguren Moralgesetze unterlegt, bzw. ob diese Grundlagen als Gesetze bezeichnet werden können, da solche im Roman nicht explizit genannt werden. Man könnte aufgrund des Handelns einzelner Romanfiguren versuchen, solche Moralgesetze zu benennen. Hier muß aber zweifelhaft bleiben, ob dies im Sinne des Autors ist, und seinem Kunstwerk angemessen wäre. Die Moral des Moralisten Fabian ist summarisch und polykausal zu nennen, denn sie ist das Ergebnis der individuellen Prägung, nämlich der Veranlagung, der Erziehung und der wertenden Erfahrung der Einzelpersönlichkeit. Die Moral ist hier der Wertmaßstab, den die Romanhauptfigur für sein eigenes Tun anlegt, also seine eigene Einstellung und Meinung. Hier geht es auch nicht um die Rechfertigung seines Verhaltens aufgrund von Moralgesetzten, sondern um die Zustimmung des Lesers, der die kritische Instanz der Rechfertigung ist, zu seinem Verhalten. Im Nachfolgenden soll beispielhaft eine kritische Auseinandersetzung mit einigen Romanszenen geführt werden.

Erich Kästners Fabian tritt im Roman als Beobachter der unterschiedlichen Milieus der seinerzeitigen Gesellschaft auf. Die Geschichte mit dem Erfinder46 befasst sich z.B. mit der Entwicklung neuer Produktionsmaschinen und deren Auswirkungen auf die Arbeitslosigkeit. Bei dem Erfinder handelt es sich um einen Gelehrten, in wissenschaftlichen Kreisen hoch angesehenen Mann. Er war an der Entwicklung neuer Maschinen beteiligt, die einen Großteil von Arbeitern überflüssig macht. Er hatte mitangesehen, wie Polizisten auf Demonstrierende, die durch Rationalisierung arbeitslos und damit ihrer Existenzgrundlage beraubt worden waren, einprügelten. In der Erkenntnis, daß seine Entwicklung der Grund für die Lage der Arbeiter ist, weigert er sich fortan seine Fähigkeiten dem vorherrschenden kapitalistischen Wirtschaftssystem zur Verfügung zu stellen. Durch diese Entscheidung bringt er sich selbst in eine schwierige Lage, er wird zum Vagabund und zu guter letzt ins Irrenhaus gesteckt. Diese Geschichte ist für den Roman typisch. Immer wieder geraten Menschen aufgrund ihres Verhaltens, das der Leser als moralisch bezeichnen könnte, ,, in groteske Situationen und illustriert dadurch die Unvereinbarkeit von Moral und Welt“.47 Hier liegt die Moral im Schuldgefühl der Erfinders. Er kann vor sich selbst nicht vetreten, dass er an der Arbeitslosigkeit seiner Mitmenschen Schuld trägt.

In der Episode mit Irene Moll geht es um eine ganz andere Moral. Hier geht es nicht um Schuldgefühle, die ein Mensch anderen Menschen gegenüber hat, sondern um eine Regelung zwischen zwei Privatpersonen, die aus der Sicht Fabians und so auch aus der Sicht der Leser als unmoralisch, im Sinne des schriftstellerischen Moralbegriffs, zu bezeichnen wäre. Wie bereits beschrieben48 gibt es zwischen den Eheleuten Moll eine Vereinbarung, die es Frau Irene Moll gestattet ein sexuell ausschweifendes Leben zuführen, solange ihr Ehemann mit den Liebhabern seiner Frau einverstanden ist49. Fabian ist über diese Regelung entsetzt und verläßt fluchtartig die Wohnung der Eheleute Moll. Betrachtet man diese Situation genauer so muß man nicht nur das Verhalten Irene Molls, die fortwährend Liebhaber mit nach Hause bringt, sondern auch das Verhalten Ihres Gatten als unmoralisch bezeichnen. Dieser bindet seine Frau an sich, in dem er ihr gestattet mit anderen Männern intim zu sein, solange ihm diese Männer gefallen. Wenn sie diese Vereinbarung verletzt, droht ihr Unterhaltsentzug. Er benutzt seine finanzielle Macht, um nach Außen hin seine Ehe aufrecht zu erhalten und somit den Schein zu wahren. Sie wiederum benutzt seine Abhängigkeit von ihr, um ihren sexuellen Ausschweifungen nachgehen zu können. Eine weitere prägnante Romanepisode ist das Streitgespräch zwischen Fabian und seinem Freund Labude.50 Die Analyse dieser Auseinandersetzung ergibt, daß man Fabian als schicksalsergebenen und verzweifelten Mitläufer und Labude als ehrgeizigen Optimisten bezeichnen könnte. Überspitzt kann man feststellen, daß Fabian der Natur des Menschen die Schuld gibt, während Labude ein eigendynamisches, zynisches, weil zum Selbstzweck und damit menschenfeindlich gewordenes System kritisiert. Labude hat konkrete politische Ziele, erhält Vorträge an Universitäten, um die Jugend zu mobilisieren und die Gesellschaftsordnung zu wandeln. Diese Maßnahmen sollen zur Schaffung eines ,,Kulturstaates“51 beitragen, der die hinreichend geschilderten Übel der Zeit beseitigen würde. Fabian stellt zum politischen Engagement seines Freundes den Gegensatz dar. Er ist nie politisch, sondern argumentiert stets mit ,,Einwänden des Temperaments“.52 Hierin könnte man eine erste Problematisierung des Standpunktes von Fabian sehen, da dieser die Menschen von vorneherein für unfähig hält, in einem solchen ,,Paradies“ zu leben.53,,Entweder ist man mit seinem Los unzufrieden, dann schlägt man einander tot, oder man ist mit der Welt einverstanden, dann bringt man sich aus Langeweile um. Was nützt das göttlichste System solange der Mensch ein Schwein ist?“ Labude stellt dem entgegen, daß die Menschen sich ,,einem vernünftig gestalteten System schon anpassen“.54 Fabian lehnt diese Möglichkeit ab, für ihn sind ,,Vernunft und Macht Antinomien“.55 Man kann die Auseinandersetzung der beiden kontrastierenden Romanfiguren auch als Auseinandersetzung Erich Kästners mit sich selbst bezeichnen. Es kann vermutet werden, daß Kästner die Romanfigur ,,Labude“ als Wiederpart Fabians geschöpft hat, um die moralischen Anlagen eines Menschen einerseits und dessen politisches Verständnis andererseits voneinander trennen, personifizieren und in Wiederspruch zueinander bringen zu können, und dadurch die Problematik in ein schriftstellerisches Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen stellen zu können.

Quelle: https://www.grin.com/document/97028