Hundert Tage

In „Hundert Tage“ erzählt Bärfuss den Völkermord in Ruanda 1994 aus der Sicht eines Schweizer Entwicklungshelfers. Im Auftrag der „Direktion für technische Entwicklung und Zusammenarbeit“ leistet David Hohl in Kigali seinen ersten Auslandseinsatz. „Ich war vierundzwanzig Jahre alt und ich hatte die Autoren der Négritude gelesen, Césaire und Senghor, und wie sie alle heissen.“ Doch Kigali erweist sich für den Idealisten als langweiliges Kaff, in dem sich rechtschaffene Helfer wie Paul, aber auch zwielichtige Figuren wie der zynische Missland tummeln. Sie leisten hier seit Jahren ihre Arbeit und haben sich in der Fremde auf je eigene Weise eingerichtet.

Ruanda ist traditionell ein sanftes Land. Doch die politische Situation gerät in Bewegung, als Tutsi-Rebellen im Osten von Kongo her angreifen. Zuerst unmerklich, dann immer deutlicher wird ein Graben sichtbar, eine gut gehütete Tabuzone: die Trennung zwischen Langen und Kurzen – zwischen Tutsi und Hutu. Die Entwicklungshilfe hat seit je her auf die fleissigen Kurzen vertraut, doch diese beginnen immer dreister gegen die Langen aufzuhetzen. Im aufkeimenden Konflikt erschwert sich die Hilfsarbeit, zugleich wird sie spannender und vertreibt die öde Langeweile, unter der die westlichen Helfer leiden.

Auf jedem der tausend Hügel Ruandas treten sie sich gegenseitig auf die Füsse. Ruanda ist fleissig, friedlich und geordnet – trotz seiner schwierigen Geschichte. Das gefällt im Westen. Doch der Zyniker Missland raunt es allen, die es hören wollen, zu, dass dieses Paradies eine finstere Nachtseite habe. Was wissen die Westler denn, was die Einheimischen im unverständlichen Bantudialekt untereinander verhandeln.

Quelle: http://www.culturactif.ch/livredumois/avril08barfuss.htm