Stil und Sprache

Bereits im Titel ässuert Remarque eine Kritik. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden viele deutsche Heeresberichte mit dem Satz „Im Westen nichts Neues“ kommentiert. Doch wo liegt da die Kritik? Den gleichen Titel verwendet Remarque für den Roman, der hier besprochen werden soll. Im Roman wird das Leiden der Soldaten in einer grauenerregenden Direktheit beschrieben. Es steht somit im grossen Gegensatz zu den Berichten, die das Geschehen im Westen als „nicht der Rede Wert“ abtun. Der Titel kritisiert somit bereits die Verantowrtungslosigkriz, die Rücksichtslosigkrit und die Menschenverachtung, die die Verantwortlichen mit einem so zynischen Satz an den Tag legen. Am Ende des Romans folgt die Wiederaufnahme dieses Satzes (s. 288), was die Gleichgültigkeit der Entscheidungsträger gegenüber dem Einzelschicksal verdeutlicht.

Ausgewählte stilistische Mittel, die Remarque in seinem Werk nutzt:

Im ganzen Roman lassen sich keine Bilder finden, die Bewunderung für die Waffen ausdrückt – es wird von unvorstellbarem Grauen, verstümmelten Körpern und zerfetzen Gliedmassen geredet: „…die abgeschossenen Hände mit den Armstümpfen hängen im Draht.“ (s. 102)

Remarque gelingt es, durch Wortwahl und Satzbau die zwischen den verlustreichen Kämpfen sich der Soldaten bemächtigende resignative Stimmung zu verdeutlichen: „Monoton pendeln die Wagen, monoton sind die Rufe, monoton rinnt der Regen. Er rinnt auf unsere Köpfe und auf die Köpfe der Toten vorn, auf den Körper des kleinen Rekruten mit der Wunde, die viel zu gross ist für seine Wunde ist, er rinnt auf das Grab Kemmerichs, er rinnt auf unsere Herzen.“ (s. 69) Anaphern, paralleler Satzbau und Alliterationen (Rufe, rinnt, Regen) verstärkt das von diesem Textbeispiel ausgehende Gefühl der Trauer der Soldaten.

Mehrfach verwendet Remarque Bilder, die die insitinktive Rückkehr des Menschen in den lange überwunden geglaubten Urzustand, den des Tieres, beschreiben. Tiermetaphern durchziehen das Werk: Die Soldaten laufen „geduckt wie Katzen“, „…huschen (fort)“ (s. 103), werden zu „Menschentiere[n]“ (s. 53), „Instinkt“ , „hellsichtige Witterung“ (s.53), und automatisch richtiges Funktionieren (s. 103) sind Schlüsselbegriffe im Roman und belegen Remarques These, dass das Primat menschlicher Vernunft im Wahnsinn des Krieges seinen Bedeutung verloren hat.

Während für die Kapitel 1-10 ein nüchterner, dokumentarischer Erzählstil kennzeichnend ist, wirken die beiden letzten Kapitel entsprechend ihrem mehr reflektiven Charakter, sprachlich ausgefeilter. Der Satzau ist komplexer, das in den Kapiteln 1-10 vorrherschende Prinzip der prataktischen Reihung und des damit einhergehenden Spannungsaufbaus wird in dem angeführten beispiel zugunsten einer oft schwer durchschaubaren Syntax aufgegeben.

Der Schluss des Romans: „Er field im Oktober 1918 … als wäre er beinahe zufrieden damit, dass es so gekommen war“ (s. 259) zeigt einen Wechsel der erzählerischen Perspektive – von der reinen Ich-Erzählung hin zur Er-Erzählung. Von einem „Olympian point of view“ ermittelt ein fingierter auktorialer Erzähler dem Leser eine Gesamtübersicht und gewährt ihm einen vertieften Einblick in die Person des Protagonisten, wobei der die Allwissenheit des Erzählers einschränkende Satz „als wäre er beinahe zufrieden damit“ den Rezipienten zur Verifizierung dieser Aussage am dem im Verlauf des Romans von Paul Bäumer gewonnen Bild zwingt.

Diese Auflistung beinhaltet nur einige ausgewöhlte, in meinen Augen, sehr wichtige Beispiele für den Umgang mit den sprachlichen Mitteln in Remarques Werk. Es gäbe noch etliche weitere Beispiele, wie Remarque mit stilistischen Mitteln das Grauen des Krieges und die Atmosphere, in der sich die Soldaten befinden, beschreibt.

Quelle: Zusammenfassungen und wörtlich übernommene Textpassagen aus den Seiten 88-101: Keiser, Wolfhard (2017): Textanalyse und Interpretation zu Erich Maria Remarque „Im Westen nichts Neues“, Königserläuterungen Band 433, 5., aktualisierte Auflage, Bange Verlag, Hollfeld