Personen Charakterisierung

Jakob:
Jakob Heym ist die Zentralfigur des Romans. Vor dem Krieg war er ein „[k]leine[r] Gewerbetreibender“ (S.12), d.h. er war Imbissbesitzer. Nun ist er als Jude im Getto interniert und teilt sich das Zimmer mit Josef Piwowa und Nathan Rosenblatt. Allerdings sind die beiden zum Zeitpunkt der Handlung bereits tot und existieren nur noch in Jakobs Fantasie (S.22ff.). Jakob ist alleinstehend und offenbar von kleiner Statur („Dabei erinnert Jakob […] in keiner Weise an einen Baum.“, S.9) und ist sehr dünn, denn er hat „ein knochiges Gesicht“ (S.250) und ist meistens bleich (ebd.).

Der Erzähler:
Der Erzähler gehört zu den Gettobewohnern, allerdings erfährt der Leser nur sehr wenig über das erlebende Ich der Vergangenheit. Seine Statur ist offenbar nicht sehr kräftig („Ich selbst gehöre nicht zu den Riesen […]“, S.28). Außerdem erfahren wir, dass er im Alter von neun Jahren vom Baum gefallen ist, sich die linke Hand brach und seitdem „ein paar diffizile Bewegungen“ mit den Fingern (S.7) nicht mehr ausführen kann. Daher kann er auch nicht mehr Geiger werden, was als „beschlossene Sache“ (S.8) galt. Sowohl seine Mutter, sein Vater als auch er selbst verfolgten dieses Ziel. Des Weiteren erfahren wir, dass der Erzähler zum ersten Mal im Alter von fünfzehn Jahren unter einem Baum Sex mit einem Mädchen namens Esther hatte.

Kowalski:
Kowalski war vor dem Krieg Friseur. Er und Jakob Heym kennen sich „vierzig Jahre[]“ (S.109) und sind „alte Freunde“ (ebd.). Sie sind beide „zusammen zur Schule gegangen“ (S.38). Er hat „dürre[] Backen“ (S.40), ist klein („Beide [Jakob und Kowalski, Anm. d. Red.] sind keine Riesen […]“, S.38) und „geschwätzig“ (ebd.) und denkt von sich selbst, er sei ein schlauer Fuchs, „dabei kann sein Gesicht nichts verbergen“ (ebd.). Er trägt seine Gedanken und seine Seele im Gesicht, denn jeder scheint immer schon zu wissen, was er sagen will. Und wenn er dann etwas sagt, dann sind „[s]eine Worte […] immer nur die Bestätigung für längst gehegte Vermutungen, wenn man ihn ein kleines bißchen kennt“ (ebd.). Da er so leicht zu durchschauen ist, kennt jeder auf dem Bahnhof ihn „ein kleines bißchen“ (ebd.).

Lina:
Lina ist ein „auffallend schönes Kind“ (S.75) von acht Jahren. Sie hat schwarze Haare und braune Augen. Lina ist ein sehr liebenswürdiges Kind, das „einen ansehen [kann], daß man Lust bekommt, den letzten Bissen mit ihr zu teilen“ (S.75f.). Eigentlich müsste sie im nächsten Jahr in die erste Klasse kommen. Der Erzähler findet das „lächerlich, eine junge Dame von neun Jahren in der ersten Klasse“ (S.81). Allerdings könnte man ihr schon vor der Schule etwas beibringen, „wenigstens Lesen und ein bißchen Rechnen“ (S.81f.), der Erzähler wundert sich, „warum […] einem das nicht früher eingefallen“ (ebd.) ist. Mit Lina kann sich jeder gut unterhalten, denn sie „ist ein Meister der Konversation“ (S.79). Jakob fühlt sich zu ihr hingezogen, weil er nie eigene Kinder gehabt hat. Sie hat „seit zwei Jahren keine Eltern“ (S.76) mehr. Ihr Vater hat eines Tages vergessen, seinen Judenstern an seiner Jacke anzubringen. Daraufhin wurden er und eine Frau festgenommen und deportiert. Lina konnte der Deportation nur deshalb entgehen, weil sie nicht vor dem Haus gespielt hat, da ihre Eltern ihr dies stets verboten hatten.

Kirschbaum:
Professor Kirschbaum gehört mit seiner Schwester Elisa vor der Internierung zur gesellschaftlichen Oberschicht. Er ist „vor Jahren eine Berühmtheit“, mit „tausend Ehrungen“ gewesen, außerdem ist er der „Chef eines Krakauer Krankenhauses“ und „gesuchter Herzspezialist“ (S.80). Neben dieser Tätigkeit hält er Vorträge an Universitäten auf der ganzen Welt. Er spricht fließend Französisch, Spanisch und Deutsch. Es besteht die Vermutung, dass er „mit Albert Schweitzer in lockerem Briefwechsel gestanden“ (ebd.) habe. Wenn man von Kirschbaum behandelt werden will, dann muss man „allerhand anstellen“ (ebd.).

Mischa:
Mischa ist groß und stämmig und „fünfundzwanzig, mit hellblauen Augen“ (S.28). Er war früher Boxer. Er hat bei Hakoah[1] drei Kämpfe bestritten, „von denen er zwei verloren hat, und einmal ist der Gegner wegen Tiefschlag disqualifiziert worden“ (ebd.). Mischa boxte als „Mittelgewichtler“ (ebd.), obwohl er eigentlich ins Schwergewicht gehörte. Jedoch hat er etwas abgenommen, sodass er im Mittelgewicht antreten konnte, weil „die Konkurrenz im Halbschwergewicht zu groß war“ (ebd.). Er war als Boxer nicht sehr erfolgreich und wollte dann doch ins Schwergewicht, allerdings kam ihm „[i]n der Gegend von hundertsiebzig Pfund […] das Ghetto dazwischen[]“ (ebd.). Trotzdem er im Getto wieder abgenommen hat, ist er „einigermaßen bei Kräften“ (ebd.). Mischa ist sehr gutmütig und die anderen Leute im Getto glauben, dass ihm dies …

Rosa Frankfurter:
Rosa Frankfurter ist die Tochter des berühmten Schauspielers Felix Frankfurter und seiner Frau. Sie hat „seidiges Haar“ (S.46) und ist die Geliebte von Mischa, den sie bei ihrer ersten Verabredung küsste. Rosa spielt im Getto mit ihrem Vater oft Dame. Meistens hat sie keine Chance und Mischa übernimmt die Partie, wenn er die Frankfurters besucht. Oftmals ärgert sich Rosa dann, denn wenn Mischa anfängt, mit Felix Frankfurter zu spielen, vergeht die Zeit wie im Fluge, „bevor Rosa von ihm [Mischa, Anm. d. Red.] etwas gehabt hat“ (S.47).

Leonard Schmidt:
Leonard Schmidt wird 1895 als Sohn eines „vermögenden Vater[s] und einer kaisertreuen Mutter in Brandenburg an der Havel“ (S.127) geboren. Er besucht ein „erstklassiges Gymnasium in Berlin“ (ebd.) und ist danach Soldat im Ersten Weltkrieg. Schmidt wird ehrenvoll aus der Armee mit einem „Orden für Tapferkeit“ (ebd.) entlassen. Danach studiert er Jura in Heidelberg und Berlin und beendet das Studium mit Auszeichnung. Schließlich folgen drei Jahre als Referendar, die er als Assessor abschließt. Daraufhin gründet er eine Kanzlei, die besonders aufgrund der Beziehungen des Vaters hervorragend läuft.

Herschel Schtamm:
Herschel Schtamm ist ein frommer Jude, der zu „Lebzeiten […] Diener in einer Synagoge“ (S.68) war („Schamess[1]“, ebd.). Daher trägt er auch seine „Schläfenlocken,[2] Zierde aller strenggläubigen Juden“ (S.68) im Getto unter einer „Fellmütze mit Klappen“ (S.69), die er „Sommer wie Winter trägt“ (S.68). Nur zu Hause wagt Schtamm es, seine Locken zu zeigen. Allabendlich betet Herschel zu Gott. Er hat einen Zwillingsbruder namens Roman. Die beiden Brüder „arbeiten und stehen und gehen gewöhnlich immer zusammen“ (S.68). Die beiden teilen sich auch ein Bett im Getto.

Roman Schtamm:
Roman Schtamm ist der Zwillingsbruder von Herschel Schtamm. Im Gegensatz zu Herschel ist er nicht besonders fromm und macht sich mit den anderen sogar darüber lustig, dass sein Bruder eine Fellmütze trägt, um seine Schläfenlocken zu verbergen (S.69). Roman wartet jeden Abend geduldig darauf, bis Herschel seine Gebete beendet hat, damit beide im gemeinsamen Bett schlafen können. Früher hat er Herschel immer dazu angehalten, sich dabei zu beeilen, aber „er verlangt […] längst nicht mehr, daß er sich beeilen soll“ (S.85).

Josefa:
Der Erzähler berichtet aus Jakobs Perspektive, was es mit Josefa auf sich hat. Josefa Litwin, eine Uhrmacherwitwe, wohnt in der Libauer Gasse 38. Sie ist, als Jakob sie kennenlernt, „höchstens Mitte Dreißig“ (S.187) und „kinderlos“ (S.188). Jakob hält sie für ein „Prachtweib“ (S.187). Sie lebt in „bescheidenen, doch keineswegs dürftigen Vermögensverhältnisse[n]“ (S.188). Jakob begegnet Josefa zufällig im Zug und er ist sogleich von ihr verzaubert. Er trägt ihren Koffer zu ihr nach Hause und danach taucht sie in seinem Imbiss auf. Zuerst erscheint sie mit einem anderen Mann, bei dem es sich aber nur um einen „flüchtigen Bekannten“ (ebd.) handelte.

Quelle: https://lektuerehilfe.de/jurek-becker/jakob-der-luegner/charakterisierung