Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Ende des 2. Weltkriegs, Anfang des Kalten Kriegs

Die Kriegswende 1942/43

Die Schlacht um Stalingrad (Nov. 1942-Feb. 1943) und der alliierte Feldzug in Nordafrika (Okt. 1942-Mai 1943) enden mit vernichtenden Niederlagen der Achsenmächte (Deutschland, Italien).

Die Schweiz gerät seitens der Alliierten unter Druck, weil sie sich nicht in deren Blockadesystem gegen die Achsenmächte einordnet.

Das lange Kriegsende, die Zeit zwischen 1944 und 1946, ist für die Schweiz ,ein Marsch durch eine politische und historische Wüste. Der Krieg begann für die Schweiz (.) eigentlich erst 1945.“

Die innenpolitische Wende

Im Lauf des Jahres 1942 setzt in der Schweiz eine Nachkriegsdebatte ein „in der Gewissheit, dass die Alliierten die Sieger sein werden.“ 1943 werden die Sozialdemokraten im Nationalrat zur stärksten Fraktion und gelangen in den Bundesrat. 1944/45 verbucht die neu gegründete Partei der Arbeit“ (PdA, Nachfolgeorganisation der 1940 verbotenen KP) bei Lokal- und Regionalwahlen beachtliche Erfolge (Waadt 20%. Genf 36%, Stadt Zürich 15%).

Nun tritt in der gesamten Gesellschaft ein, was Frisch in seinem Kriegstagebuch Blätter im Brotsack schon 1939 vorausgeahnt hat: „Es kommt, sobald wir unser Feldgrau einmal ausziehen, die Stunde des allgemeinen Suchens und Fragens.“

Der Kalte Krieg

Der Prager Umsturz im März 1948 führt zu einer neuen Trendwende:

  • -Im Namen der Abwehr des Kommunismus“ wird die „Geistige Landesverteidigung“ reaktiviert.
  • Die PdA wird isoliert und verliert innenpolitisch jedes Gewicht.

Nun tritt die Schweiz immer deutlicher auf die Seite der Westmächte:

  • Im Juli 1951 unterstellt die Schweiz sich durch das Hotz- Linder-Agreement faktisch den gegen die Oststaaten gerichteten Embargo-Bestimmungen des Coordinating Committee der USA.“
  • Im Juli 1952 werden Wirtschafts- und Anerkennungsverhandlungen mit der DDR abgebrochen.
  • Im August wird das „Washingtoner Abkommen“ in Verträgen mit der BRD revidiert. Nach erneuten Abfindungsleistungen verzichten die Westmächte auf alle weiteren Ansprüche an die Schweiz.

„Die Polarisierung des Kalten Krieges mit dem entsprechenden Bedürfnis nach Verbrüderung im Westen‘ und Abgrenzung gegen ,Osten‘ ersparte der schweizerischen Gesellschaft eine kritische Sichtung der vergangenen Jahre.

Das hat auch Folgen für Frisch:

„Die Zürcher Uraufführung von Graf Öderland 1951 war sein ,erster unbestreitbarer Misserfolg‘ (Werkbericht zu Graf Öderland); eine so offensichtliche Rebellion lehnte das einheimische Publikum ab, ein Publikum, das anfangs das Gefühl der Verunsicherung mit dem Autor geteilt hat- te, nun aber zu den eigenen Geschäften zurückkehrte.“

Doch Frisch hält an den Impulsen fest, die er in der Phase zwischen 1943 bis 1948 empfangen hat. Mehrere besondere Gegebenheiten veranlassen ihn zu einer Neuorientierung, die der neuen Trendwende des Kalten Kriegs standhält.

Als Architekt gewinnt er ein andere Verhältnis zur Realität. „Als Architekt war er nicht länger nur distanzierter Beobachter und Schilderer. Er wurde zum tätigen Mit- und Umgestalter der sozialen Realität.“

Als Theaterautor erhält er politisch und literarisch wesentliche Anregungen. Von Kurt Hirschfeld, dem Dramaturgen des Schauspielhau- ses, im Frühling 1944 ans Theater gerufen, trifft Frisch auf eine Welt, die er trotz eifrigen Theaterbesuchs bisher völlig ignoriert, ja abgelehnt hat.“ Nun erhält er weit reichende neue Anregungen.

Politisch

„Das Schauspielhaus damals nicht nur ein Zentrum für Antifaschismus und moderne Dramaturgie, hier wurde auch heftig Kritik an war geübt, einem Bürgertum dem die humanistische Tra- dition nicht mehr Verpflich- tung, sondern nur noch Fas- sade war, um eigennützige Interessen zu verfolgen.“

Literarisch

„Hier traf er die Theaterelite der antifaschistischen Emig- ration (…). Durch das Schau- spielhaus kam er auch in Kontakt mit dem Oprecht Verlag, dem Hausverlag vie- ler Emigranten, und er lern- te das Neueste und Beste an moderner Dramatik kennen: Sartre, Camus, Williams, Gi- Wilder, Die beiden Letzteren, die er auch persönlich kennen lern- te, wurden seine wichtigsten raudoux, Brecht. dramatischen Lehrmeister.“

Auf Reisen gewinnt er Einsichten, die auf Veränderung zielen. 1946 macht er auf Einladung der US-Army eine Reise nach Deutschland und reflektiert grundlegender über die jüngste Vergangenheit und die nächste Zukunft.

Über die Deutschen

„Solange das Elend sie beherrscht, wie sollen sie zur Erkenntnis jenes Elendes kommen, das ihr Volk über die halbe Welt gebracht hat? Ohne diese Erkenntnis jedoch (…) wird sich ihre Denkart nie verwandeln; sie werden nie ein Volk unter Völkern.“

Über die Schweizer

„Vielleicht liegt darin das eigentliche Geschenk, das den Verschonten zugefallen ist, und ihre eigentliche Aufgabe. Sie hätten die selten gewordene Freiheit, gerecht zu bleiben. (…) Es ist die einzig mögliche Würde, womit wir im Kreise leidender Völker bestehen können – „

1951 reist er mit seiner Frau nach Spanien und ist beeindruckt von den klaren Konturen sowohl der Landschaft wie der arabischen Architektur.

„Frisch war beeindruckt von der Kargheit der spanischen Landschaft, von der Härte des Lichts und der spanischen Mentalität mit ihrer Vorliebe für das Unbedingte, das Entweder-oder. Wie anders war doch diese Haltung, verglichen mit der in seiner Heimat vorherrschenden Neigung zum Sowohl-als-auch. „

1951/52 verbringt er ein Jahr als Stipendiat der Rockefeller- Stiftung in den USA und Mexiko und wird zu neuen städtebaulichen Überlegungen angeregt.

„Begeistert von der ,herb-männlichen‘ …) Architektur des neu- en Kontinents, fand er in der Schweiz nur „Kaninchenfarmen für den Mittelstand‘, das heißt eine biedere, unendlich geistlose, halbbatzige Architektur, die alles Radikale, Grosse, Monumen- tale, jedes Wagnis verachte. (..) Frisch vermisste in seinem Land (…) jede Vision einer Zukunft. „